Buchbesprechung: Stephan Faust (Hrsg.), Im Angesicht der Gottheit. Kultbilder in Religion und Gesellschaft der Antike (2022)

Im Rahmen eines Seminars des Archäologischen Instituts der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg entstand 2019 unter der Leitung von Stephan Faust, der damals die Position des Kustos des Archäologischen Museums der Universität übernommen hatte, eine Studioausstellung über prominente antike Götterbilder. Dieses Jahr erschien nun auch ein Katalog bzw. Begleitbuch zu dieser Ausstellung.

Im einleitenden Kapitel zeigt Faust zunächst die Herausforderungen, die die Beschäftigung mit antiken Kultbildern in sich birgt. Angefangen bei der Definition eines antiken Götterbildes als „Kultbild“ im Gegensatz zu anderen in Heiligtümern aufgestellten Bildwerken. Denn sowohl in der griechischen als auch in der lateinischen Sprache wurden im Laufe der Zeit zahlreiche verschiedene Begriffe verwendet, die sich aber nicht eindeutig auf die Funktion eines Bildwerks im Kult der Gottheit beziehen. Auch sind meist nur wenige Fragmente des Originals vorhanden. Um das ursprüngliche Aussehen des Kultbilds zu rekonstruieren, muss man daher weitere Quellen heranziehen. So finden wir beispielsweise detaillierte Beschreibungen in antiken Textquellen. Daneben geben oft rundplastische Nachbildungen oder Darstellungen in Reliefs oder auf Münzen weitere Hinweise für die Rekonstruktion. Dies kann natürlich nur ein vages Bild des Originals vermitteln. Sehr gut vermitteln die antiken Autoren dagegen, welche Wirkung einige der Kultbilder auf den antiken Betrachter hatte. Eine Wirkung, die die Schöpfer dieser Werke mit mannigfaltigen Mitteln zu erreichen wussten.

Anschließend gibt Faust einen Überblick über die Geschichte griechischer und römischer Kultbilder, bevor er in einem chronologisch aufgebauten Katalog auf die Überlieferung, Rekonstruktion und Deutung von sechzehn Kultbildern genauer eingeht. Unter anderem begegnen wir aus Griechenland den vom Bildhauer Phidias geschaffenen Statuen der Athena Parthenos in Athen oder des Zeus in Olympia – eines der Sieben Weltwunder der Antike -, der Eirene des Kephisodot oder der Aphrodite von Knidos des Praxiteles, die erste Nacktdarstellung der Göttin der Liebe. Die römischen Kultbilder repräsentieren Statuetten der Laren, die Große Mainzer Jupitersäule oder Kultbilder des Mithras.

Henryk Löhr stellt im folgenden Kapitel die Erforschung antiker Kultbilder anhand der Abgüsse im Archäologischen Museum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vor. Sie illustrieren unter anderem, wie sich die Rekonstruktion der Bildwerke durch neue Funde immer weiter verfeinerte.

Aber auch Tongefäße oder Münzen zeigen Kultbilder. So widmet Georg Simon Gerleigner dem Fragment einer Amphora ein eigenes Kapitel. Dieses Beispiel zeigt den Frevel des Aias, als er die Priesterin Kassandra vom Palladion, dem Kultbild der Athena in Troja, wegzieht, um sie zu vergewaltigen. Anhand dieser Darstellung geht Gerleigner unter anderem der Frage nach, inwieweit die Vasenmaler zwischen belebten und unbelebten Götterfiguren unterschieden, d. h. zwischen Kultbildern und den Göttern selbst, bzw. wie sich die Darstellungsweise im Laufe der Zeit änderte.

In einem weiteren Kapitel nimmt sich Aylin Tanrıöver Darstellungen von Göttern auf antiken Münzen aus dem Bestand des Museums vor. Hier stellt sie zunächst die Frage, ob es sich hier um Kultbilder handelt oder nur um allgemeine Götterbilder, die die prägende Stadt repräsentieren sollten. Anhand von Darstellungen von Athena, Zeus, Apollon, Artemis, Hera und Aphrodite macht sie deutlich, dass es in den wenigsten Fällen möglich ist, ein Götterbild auf Münzen eindeutig als Kultbild zu identifizieren. Oft war nur der Kopf dargestellt und auch sonst sind es oft nur die Attribute, die eine Identifizierung als bestimmte Gottheit möglich machten.

Eines der berühmtesten antiken Kultbilder ist die Artemis von Ephesus, deren Überlieferung, Rekonstruktion und Deutung Helga Bumke nachgeht. Jan-Henrik Hartung schließlich geht im letzten Kapitel noch auf die Aufstellungsorte der Kultbilder ein. Im Gegensatz zum äußeren Erscheinungsbild der Heiligtümer, die üblicherweise im Zentrum der Forschung stehen, geht es ihm um die Tempelinnenräume und ihre Entwicklung im Verhältnis zu den Kultbildern. Er zeigt, wie architektonische Fortschritte mit der Zeit Künstler bei der Inszenierung der Kultbilder unterstützten.  

Das vorliegende Buch ist eine gelungene Einführung in das Thema. Es zeigt zum einen, welche Wirkung vorgestellten Kultbilder auf den antiken Betrachter hatten, und mit welchen Mitteln die Künstler diese Wirkung erreichten. Zum anderen stellt das Buch die Geschichte der Rekonstruktion dieser Kultbilder vor und zeigt die Puzzlearbeit, die dafür notwendig ist. Umfangreiche Anmerkungen und ein Literaturverzeichnis geben dem Leser die Möglichkeit, die einzelnen Themen zu vertiefen.

 

Hermeneutika | Band 1
1. Auflage 2022
broschiert, 244 Seiten
Universitätsverlag Halle-Wittenberg
ISBN 978-3-86977-249-3
40,00 €

Ausstellung „Spot an! Szenen einer römischen Stadt“ (Rheinisches Landesmuseum Trier, 31. August 2019 bis 26. Januar 2020) (Teil 2)

Der nächste Raum gibt einen Überblick über die römische Religion. Der Kaiserkult und öffentliche Kulte einten das Volk, aber der private Glaube wurde nicht angetastet. Die „Freie Götterwahl“ war ein wichtiger Faktor im Leben der Römer. Sie machte es auch möglich, die Religionen eroberter Völker problemlos zu integrieren. Erst das Christentum beendete dieses Nebeneinander vieler verschiedener Gottheiten.

Als Handelszentrum war Trier „Auf 100.000 Kilometern vernetzt“. Hier kreuzten sich zwei große Fernstraßen und an der Mosel wurde ein Hafen mit großen Speicherbauten angelegt. Man importierte Glas, Lampen, Terra Sigillata und kulinarische Spezialitäten. Zu den Exportschlagern Triers gehörten die sogenannten Trierer Spruchbecher (3.-4. Jh. n. Chr.) und der Wein, der in Gutshöfen rund um Trier angebaut wurde.

Im 3. Jh. n. Chr. verliert Rom mehr und mehr an Bedeutung. Die Kaiser residieren an verschiedenen anderen Orten ihres Reichs. Sie gründen „Neue Kaiserresidenzen für das Imperium“, darunter Trier, das unter Maximian und Konstantin dem Großen eine prachtvolle Palastanlage erhielt. Aber auch außerhalb Triers entstehen Kaiserresidenzen wie in Konz und andere prachtvolle Villen wohlhabender Trierer Bürger.

Der letzte Raum geht auf „Das römische Jenseits“ und die Bestattungssitten der Römer ein. Zunächst war die Brandbestattung vorherrschend. Diese wurde aber nach und nach von der Köperbestattung in Sarkophagen abgelöst. Die prachtvollen Grabbauten wohlhabender Verstorbenen säumten die Ausfallstraßen und sorgten dafür, dass man sich ihrer noch lange nach ihrem Tod erinnerte.

In Trier sind noch heute viele Spuren der römischen Antike sichtbar, so beispielsweise verschiedene Thermen und natürlich vor allem die Porta Nigra – das Wahrzeichen der Stadt. Und bei jeder Baumaßnahme treten weitere Spuren zutage. Die Ausstellung „Spot an! Szenen einer römischen Stadt“ zeigt einmal mehr die Bedeutung Triers für die Erforschung römischer Städte.

 

Spot an! Szenen einer römischen Stadt Bild 1

Korana Deppmeyer; Maria Carmen D’Onza, Spot an! Szenen einer römischen Stadt. Begleitschrift zur Wanderausstellung (Schriftenreihe des Rheinischen Landesmuseums Trier 42) (2019)  

 

 

Ausstellung „Spot an! Szenen einer römischen Stadt“ (Rheinisches Landesmuseum Trier, 31. August 2019 bis 26. Januar 2020) (Teil 1)

Das Rheinische Landesmuseum Trier widmet dieses Jahr dem römischen Trier eine neue Sonderausstellung: „Spot an! Szenen einer römischen Stadt“. Zahlreiche Funde, die bisher in den Depots versteckt waren, illustrieren schlaglichtartig das Leben in einer römischen Großstadt wie Trier.

Eine Grafik veranschaulicht die wichtigsten Daten der Geschichte des römischen Trier und stellt sie der Geschichte Roms gegenüber. Der erste Raum – „Planmäßige Stadtgründung“ – zeigt die Konstruktion der Brücke über die Mosel, die den Grundstein für die Gründung der Stadt Trier an dieser Stelle bildete. Die verwendeten Eichenpfähle wurden 18/17 v. Chr. gefällt und man nimmt an, dass die Stadt gleichzeitig gegründet wurde. Die Stadt wurde auf dem Reißbrett geplant – mit rechtwinklig verlaufenden Straßen. Dazu verwendeten die Römer die Groma, ein aus einem Visierkreuz und Loten bestehendes Vermessungsinstrument.

Wie aber lebte man in einer römischen Stadt wie Trier? Es gab öffentliche Plätze mit Verwaltungsgebäuden und Heiligtümern. Für Brunnen und Thermen – und manchmal auch für die Wasserversorgung individueller Häuser – wurde Wasser aus der Umgebung über viele Kilometer lange Wasserleitungen in die Stadt gebracht. Statuen verherrlichten Kaiser und verdiente Persönlichkeiten. Eine Befestigungsmauer mit eindrucksvollen Toren und Türmen sicherte die Stadt.

Wohlhabende Bürger schmückten Ihre Häuser mit Wandmalereien und Fußbodenmosaiken. Ihre Häuser hatten Höfen und Gärten und in der Regel auch eigene Bäder. Die einfache Bevölkerung musste sich dagegen mit mehrstöckigen Mietshäusern begnügen. Statt eigener Küchen standen ihnen zahlreiche Garküchen zur Verfügung. Öffentliche Badeanlagen wiederum wurden ebenso von allen Bevölkerungsschichten genutzt wie auch das Amphitheater, in dem man sich bei Tierhetzen und Gladiatoren vergnügte.

Die nächsten Stationen der Ausstellung – „Leben in einer römischen Großstadt“, „Wasser für die Stadt“ und „Spektakel für die Massen“ – widmen sich diesen Aspekten des römischen Stadtlebens.

 

(Fortsetzung folgt …)

Die Lipsanothek von Brescia: ein Reliquienkästchen aus Elfenbein (Teil 2)

Gipsabguss in der Ausstellung „Göttliche Ungerechtigkeit?“ (Akademisches Kunstmuseum der Universität Bonn 6. Mai – 28. Oktober 2018); Leihgabe Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Mainz (Inv. 41905)

 

Auf den Schmalseiten setzen sich oben die Medaillons mit Aposteldarstellungen fort, wobei diese mal älter mal jünger dargestellt sind. Ob hier bestimmte Apostel unterschieden werden sollten, bleibt unklar. Die rechte Nebenseite zeigt unter den Aposteln links Moses am Berg Horeb und rechts Moses mit den Gesetzestafeln. Die Szene dazwischen ist umstritten. Dargestellt sind sieben Männer, die von Feuer umgeben sind. Eine mögliche Deutung sieht in dieser Szene die Bestrafung der Männer, die sich dem Aufstand Korachs gegen Moses angeschlossen hatten. Das Hauptbild dieser Seite zeigt die Heilung des Blinden und die Erweckung des Lazarus sowie in der unteren Bildleiste Szenen aus der Geschichte Jakobs.

Auf der linken Schmalseite sieht man unter den Apostelportraits die alttestamentarischen Geschichten von David und Goliath, der Tod des Propheten, der König Jerobeam warnt und Jerobeam vor dem Altar von Bethel. Das Hauptbild zeigt die Erweckung der Tochter des Jairus und darunter sind die Anbetung des goldenen Kalbes und das Fest zu seinen Ehren dargestellt.

Auf der Rückseite sind oben weitere Portraits älterer Männer in Medaillons dargestellt. Sind hier Apostel gemeint oder Heilige? Auch eine Deutung als Evangelisten wurde vorgeschlagen. Allerdings fehlen die in diesem Fall üblichen Symbole zur eindeutigen Zuweisung.

Darunter ist Susanne als Betende gezeigt, gefolgt von Jonas in der Kürbislaube und Daniel mit dem Drachen (der allerdings eher einer Schlange ähnelt). In der Hauptzone beruft Jesus am See Petrus und Andreas zu seinen Jüngern und daneben sehen wir die Geschichte von Hananias und Saphira, die starben, weil sie die Gemeinde um Geld betrogen hatten. Am rechten Rand des Kastens ist vermutlich Judas am Baum hängend dargestellt. Den Abschluss bilden in der unteren Bildleiste die Auffindung des Moses, Moses, der einen Ägypter tötet sowie ein Festmahl, dessen Deutung nicht klar ist.

Die Auswahl der dargestellten Geschichten aus dem alten und dem neuen Testament scheint auf den ersten Blick recht willkürlich. Allerdings ist bei einer so qualitätvollen Arbeit wie der Lipsanothek eher davon auszugehen, dass es dem Auftraggeber mit diesem Bildprogramm um eine bestimmte Aussage ging. Leider ist diese für uns heute jedoch nicht mehr nachvollziehbar, auch deshalb, weil nicht alle Szenen eindeutig bestimmt werden konnten.

 

Literaturhinweise:

  • Johannes Kollwitz, Die Lipsanothek von Brescia (1933)
  • Richard Delbrueck, Probleme der Lipsanothek in Brescia (1952)
  • Carolyn Joslin Watson, The Program of the Brescia Casket (Diss. 1977)
  • Catherine Brown Tkacz, The Key to the Brescia casket: typology and the Early Christian imagination (2002)
  • Frank Rumscheid, Sabine Schrenk, Kornelia Kressirer (Hrsg.), Göttliche Ungerechtigkeit? Ausstellung Akademisches Kunstmuseum der Universität Bonn 6. Mai – 28. Oktober 2018 (2018); S. 308-310

Die Lipsanothek von Brescia: ein Reliquienkästchen aus Elfenbein (Teil 1)

Gipsabguss in der Ausstellung „Göttliche Ungerechtigkeit“ (Akademisches Kunstmuseum der Universität Bonn 6. Mai – 28. Oktober 2018); Leihgabe Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Mainz (Inv. 41905)

 

Eine Lipsanothek ist ein Kasten zur Aufbewahrung von Reliquien. Einer der bekanntesten frühchristlichen Reliquienschreine ist die Lipsanothek von Brescia, die sich heute im Museo di Santa Giulia in der norditalienischen Stadt befindet.

Dieser Reliquienschrein aus der 2. Hälfte des 4. Jhs. n. Chr. wurde vermutlich in Mailand hergestellt, wo Bischof Ambrosius von Mailand (* 339 in Trier; † 4. April 397 in Mailand) gegen den Arianismus kämpfte. Die Figuren stehen in der Tradition antiker Darstellungen: gelängte Körperproportionen, Stand- und Spielbein sind deutlich herausgearbeitet. Der Frisurenstil weist in das späte 4. bzw. das frühe 5. Jh. n. Chr. Der Schrein ist ein mit Elfenbein verkleideter Holzkasten auf kleinen Füßchen, der an auf allen Seitenwänden und dem Deckel mit Szenen aus dem alten und dem neuen Testament geschmückt ist. Das Kästchen ist dabei nur 22 cm hoch, 32 cm breit und 25 cm tief.

Die Darstellungen auf dem Deckel zeigen Jesus im Garten von Gethsemane, seine Gefangennahme und die Verleugnung des Petrus, symbolisiert durch einen krähenden Hahn. Darunter wird Jesus auf der linken Seite den Hohepriestern Hannas und Kaiphas vorgeführt und auf der rechten Seite Pilatus, der seine Hände „in Unschuld wäscht“.

Die Vorderseite zeigt am oberen Rand Medaillons mit Portraits: im Zentrum Jesus, flankiert von je zwei Aposteln. Die beiden älteren direkt neben Jesus könnten ihrer Ikonographie nach Petrus (links) und Paulus (rechts) darstellen. Die äußeren Portraits sind neutral gehalten. Darunter sieht man links vom Verschluss des Kastens wie Jonas vom Wal verschlungen wird, während der auf der anderen Seite wieder ausgespuckt wird.

Das Hauptbild im Zentrum zeigt Jesus als Lehrer. Ob in der Synagoge oder unter seinen Jüngern lässt sich nicht entscheiden. Der architektonische Rahmen überhöht die Szene jedoch und weist auf Jesus als Herrscher. Dazu passt auch, dass er nicht wie in normalen Lehrszenen sitzt, sondern steht. Links von dieser Szene ist die Heilung der Blutflüssigen dargestellt, rechts das Gleichnis vom verlorenen Schaf.

In der unteren Leiste finden wir Susanna, die von den beiden alten Männern beim Bad beobachtet wird, sowie ihre Verurteilung und Rettung durch Daniel. Rechts befindet sich Daniel in der Löwengrube.

 

(Fortsetzung folgt …)