Die athenischen Feste zu Ehren des Dionysos (Teil 2)

Die dreitägigen Lenaia im Januar/Februar waren dem Dionysos Lenaios gewidmet. Der Beiname könnte sich auf die Weinkelter beziehen (griech. „lenos“) oder auf die Mänaden, die Begleiterinnen des Dionysos, die auch „lenai“ genannt wurden.

Darstellungen der Lenaia auf griechischen Vasen zeigen sowohl Szenen mit Mänaden als auch das Mischen von Wein. Welche Riten genau zu Ehren des Gottes ausgeführt wurden, ist nicht bekannt. Die Darstellungen zeigen aber zum Beispiel Frauen, die Flöte spielend ekstatisch um eine mit einer Maske geschmückte Säule herumtanzen.

Ursprünglich fand dieses Fest in Athen im Lenaion statt, dessen genauer Ort nicht bekannt ist. Vermutlich verlegte man das Fest ab Mitte des 5. Jhs. v. Chr. ins Dionysostheater am Südhang der Akropolis. Ab dieser Zeit wurden im Rahmen der Lenaia auch Theaterstücke aufgeführt: zunächst nur fünf Komödien, später kamen zwei Tragödien dazu. Man geht davon aus, dass das Publikum hier  vermutlich auf die lokale Bevölkerung beschränkt war.

Die ländlichen oder kleinen Dionysien im Dezember / Januar waren ein Fruchtbarkeitsfest, das möglicherweise erst im Lauf der Zeit dem Dionysos gewidmet worden war. Im Zentrum des Festes stand eine Prozession von Phalloi. Nach dieser Prozession gab es Wettbewerbe für Tanz und Gesang sowie für Dithyramben (Chorlieder). An einigen Orten gab es auch hier wieder Theateraufführungen. Dabei handelte es sich möglicherweise um Stücke, die im Jahr davor bei den städtischen Dionysien uraufgeführt worden waren.

 
(Fortsetzung folgt …)

 

 

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Die athenischen Feste zu Ehren des Dionysos (Teil 1)

Die Stadt Athen widmete dem Gott des Weines und des Theaters 4 Feste – die Anthesteria, die städtischen Dionysien, die ländlichen Dionysien und die Lenaia.

Die Anthesteria fanden im Februar/März statt und dauerten drei Tage – vom 11. bis 13. Tag des Monats Anthesterion.

1. Tag (Pithiogien):

Dieser erste Tag war ganz dem Dionysos und dem neuen Wein gewidmet. Nur der Dionysostempel war geöffnet und dort spendete man dem Gott etwas dem Wein, um ihm für die Ernte zu danken und den Wein gleichzeitig durch den Gott segnen und reinigen zu lassen. An diesem Tag waren sogar Sklaven zu den Tänzen und Gesängen zu Ehren des Dionysos zugelassen.

2. Tag (Choen):

Der zweite Festtag wurde als Kannenfest oder Trinkfest bezeichnet, was bereits auf einen der wesentlichen Züge des Tages hinweist. Zum einen gab es ein Trinkfest der offiziellen Vertreter der Stadt, zum anderen traf man sich aber auch privat und feierte zusammen mit dem Hausgesinde und den Lohnarbeitern. Dabei trank ausnahmsweise jeder aus einem eigenen Krug. Sowohl bei den offiziellen Feiern als auch bei den privaten gab es Trinkwettbewerbe.

An diesem Tag schenkte man den Kindern kleine Krüge. Die Darstellungen auf diesen Choenkännchen zeigten daher oft auch Szenen spielender Kindern. Kinder und Erwachsene trugen Blütenkränze. Am Abend wurden die Kränze um die Krüge gelegt und im Dionysosheiligtum gespendet.

Zu den Feiern an diesem Tag der Anthesteria gehörte auch ein Schiffskarrenumzug vom Hafen durch die Stadt zum Dionysosheiligtum. Man vermutet, dass dieser Umzug die Reise des Gottes nach Athen und seinen Einzug in die Stadt zu seiner Hochzeit mit der Basilinna, die Frau des Archon Basileus (der oberste Priester Athens) und Dionysos-Priesterin, symbolisiert. Schauspieler auf dem Wagen dabei verkörperten Dionysos und sein Gefolge

Vor ihrer „heiligen Hochzeit“ – Hieros Gamos – mit Dionysos legte sie im Dionysostempel einen Eid über ihre persönliche Keuschheit ab. Nach verschiedenen Reinigungsritualen führte eine Prozession der Basilinna und einer hölzernen Stele, die Dionysos symbolisierte, zum Amtslokal des Archon Basileus. Im Innern dieses soganannten Bukolions vollzog die Priesterin dann die Brautnacht, die sogenannte Hioros. Möglicherweise übernahm dabei ihr Mann die Rolle des Dionysos. Die Bevölkerung feierte die ganze Nacht hindurch auf den Straßen und am Morgen trug man die Holzstele wieder in den Dionysostempel zurück.

Gleichzeitig begann am Abend der Übergang vom fröhlichen Treiben der ersten beiden Tage zum letzten Tag des Festes, der den Toten gewidmet war, deren Geister während dieses Festes in die Stadt kamen.

3. Tag (Chytren):

Am dritten Tag versuchte man durch verschiedene Abwehrmaßnahmen sich vor den Geistern der Toten zu schützen, die im Glauben der Athener in der Nacht ins Reich der Lebenden zurückgekehrt waren. Gleichzeitig ehrte man die Verstorbenen durch Tänze und musische Vorführungen sowie sportliche Wettkämpfe. Ein weiterer Brauch am diesem Festtag war das Schaukeln – vor allem von Kindern und Jugendlichen – zur Reinigung von Unheil. Das Ende der Anthesteria markierte die Vertreibung der Geister mit Hilfe von verschiedenen Sprüchen.

 
(Fortsetzung folgt …)

 

 

Stadtplanung in Athen im 6. Jh. v. Chr. (Teil 7)

Zusammenfassend können wir für die Tyrannenzeit eine rege Bautätigkeit festhalten. Aus der Regierungszeit des Peisistratos sind uns nur kleinere Sakralbauten bekannt und auch die öffentlichen Bauten sind von relativ geringen Ausmaßen, mit Ausnahme von Gebäude F, in dem man möglicherweise den Palast des Peisistratos sehen kann. Dies wäre aber kaum als Zeichen von Volksnähe, sondern eher als Adelsprivileg zu verstehen. Leider ist keiner der erhaltenen Bauten so genau datierbar, dass er Peisistratos zugewiesen werden könnte und auch die Schriftquellen geben darüber keine Auskunft. Man kann aber festhalten, dass die Entwicklung der Agora zum Stadtzentrum schon vor der Tyrannis des Peisistratos eingesetzt hat und es gibt keine Hinweise darauf, dass Peisistratos mit Bauten der Vortyrannenzeit in Verbindung gebracht werden kann.

Die großen Repräsentationsbauten, wie das Olympieion oder das Wasserleitungssystem mi t seinen Brunnenhäusern gehören bereits in die Zeit seiner Söhne. Peisistratos d. J. stiftete als Archon den 12-Götter-Altar und ließ in ganz Attika Hermen aufstellen. 522/21 wurde das Olympieion begonnen, vermutlich nicht als Repräsentation der Tyrannen, sondern der ganzen Stadt Athen. Ziel dieser Maßnahmen war die Stärkung der Hauptstadt, sowohl auf politischem, als auch auf religiösem Gebiet.

Insgesamt geben uns die archäologischen Reste keine Hinweise auf die Initiatoren der verschiedenen Bauten. In einigen Fällen ist es durchaus möglich, dass Peisistratos oder seine Söhne die Auftraggeber waren, aber nur wenn wir entsprechende Nachrichten in den antiken Quellen finden, z.B. beim 12-Götter-Altar oder dem Olympieion, können wir sie sicher als Auftraggeber ansehen. In allen anderen Fällen bleibt es bei bloßen Vermutungen.

Solange hierbei keine Sicherheit herrscht, können wir auch nicht von einem gezielten Bauprogramm sprechen, v. a. da auch keine Schwerpunkte zu erkennen sind. Man findet im ganzen Stadtgebiet sowohl religiöse als auch Profanbauten. Die rege Bautätigkeit lag vermutlich weniger an den Tyrannen selbst, sondern v. a. an dem allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Aufschwung Athens im 6. Jh. v. Chr., der zu einem großen Teil in die Regierungszeit der Tyrannen fiel. Doch wurden nicht nur während der Tyrannis monumentale Bauten errichtet und der Ausbau der Agora zum Stadtzentrum setzte schon vor Peisistratos ein.

Stadtplanung in Athen im 6. Jh. v. Chr. (Teil 6)

Südlich der Agora, am Panathenäenweg, liegt das Heiligtum von Demeter und Kore, das sog. Eleusinion. Unter den Funden befanden sich Kernoi, Kultgefäße, die im eleusinischen Kult verwendet wurden. Aus dem mittleren 6. Jh. v. Chr. stammt eine Stützmauer und es ist bekannt, dass Peisistratos am eleusinischen Kult besonderes Interesse hatte. Die Schriftquellen geben aber keine Hinweise darauf, dass Peisistratos das Eleusinion errichten ließ.

Im Heiligtum des Dionysos Eleuthereus am Südabhang der Akropolis hat sich eine Ecke eines kleinen Antentempels erhalten. Die Datierung war früher umstritten. Die verwendeten Keildübellöcher weisen allerdings auf eine Bauzeit im 3. Viertel des 6. Jhs., was inzwischen allgemein anerkannt ist. Möglicherweise lässt sich dieser Tempel mit Peisistratos verbinden, da dieser die großen Dionysien einrichtete. 534 v. Chr. soll Thespis die erste Tragödie aufgeführt haben und Dinsmoor glaubt daher, dieses Datum auch als ungefähren Fixpunkt für die Entstehung des Tempels annehmen zu können.

Am Südabhang des Areopag wurde im 6. Jh . v . Chr. das Heiligtum des Heros Amynos angelegt. Es handelte sich um ein offenes Heiligtum mit einem Brunnen im Zentrum. Der Kult stand wohl im Zusammenhang mit heiligem Wasser und der Brunnen war an die peisistratidische Wasserleitung angeschlossen. Votive mit Darstellungen von Körperteilen lassen darauf schließen, dass hier ein Heilheros verehrt wurde. Dieses Heiligtum wird in den Schriftquellen nicht erwähnt und konnte nur anhand von Inschriften identifiziert werden.

Etwas südlich des Olympieions befand sich das Heiligtum des Apollon Delphinion. Ein großer südwestlich davon ergrabener Bereich wurde von Travlos mit der Gerichtsstätte „epi Delphinio“ identifiziert. Es handelte sich dabei um den Gerichtshof für Mordfälle, der angeblich vom mythischen König Aigeus begründet wurde. Die gefundene archaische Mauer datiert Travlos auf ca. 500 v. Chr. Kolb dagegen datiert die Reste in die Zeit der Peisistratiden.

Ebenfalls südlich des Olympieions befand sich das Heiligtum des Apollon Pythios, dass der Überlieferung nach von den Peisistratiden errichtet wurde. Nach Hesych erbaute Peisistratos den Tempel des Heiligtums. Thukydides VI 54,6 f. berichtet, dass Peisistratos d. J. während seines Archontats dem Apollon Pythios einen Altar stiftete. Erhalten ist nur der größte Teil der Deckplatte des Altars, auf der sich auch die Weihinschrift  (IG. 12 , 761) befindet, durch die der Altar identifiziert werden konnte. Nach Thukydides IV 54,5 verwandten die Tyrannen einen Teil der Steuern für die Ausschmückung der Stadt und nach Kluwe ist die Weihung des Apollo-Pythios-Altars ein Beweis für die Richtigkeit dieser Nachricht.

 

(Fortsetzung folgt …)

Stadtplanung in Athen im 6. Jh. v. Chr. (Teil 5)

Auch im übrigen Stadtgebiet sind uns für die Zeit der Tyrannenherrschaft literarisch oder archäologisch Sakralbauten überliefert.

Literatur:

  • G. Gruben, Die Tempel der Griechen (31980) 230-236
  • G. Welter, „Das Olympieion in Athen“, AM 47, 1922, 61 ff. + AM 48, 1923, 182-189
  • J. Travlos, Bildlexikon zur Topographie des antiken Athen (1971) 402 f.
  • R. E. Wycherly, The Olympieion of Athens, GrRomByzSt 5, 1964, 161 ff.
  • R. Tölle-Kastenbein, Das Olympieion in Athen (1994)
  • T. E. Kalpaxis, Hemitelos (1986) 26-39
  • W. B. Dinsmoor, The Architecture of Ancient Greece (41975) 91 u. 280 f.

Einer der bekanntesten Bauten aus der Zeit der Peisistratiden ist der südöstlich der Akropolis gelegene Tempel des Olympischen Zeus, das sogenannte Olympieion. Nach Tkukydides II 15 soll das Heiligtum noch auf die Zeit vor der Stadtgründung durch Theseus zurückgehen und man fand unter dem heute sichtbaren Tempel aus römischer Zeit Reste von zwei archaischen Bauten. Aus Fundamentmauern, die in das 2. Viertel des 6. Jhs. datiert werden, rekonstruierte Welter einen Peripteros von 30 ,5 x ca. 60 m. Gruben (S. 203) nimmt an, dass dieser Tempel von Peisistratos d. Ä. erbaut wurde. Der darauffolgende Tempel wurde jedoch unter seinen Söhnen errichtet und diese hätten vermutlich nicht den Tempel ihres Vaters niederreißen lassen. Es ist daher wahrscheinlicher, dass der Tempel vor der Tyrannis von der aristokratischen Polis errichtet wurde.

Beim Tempel der Söhne des Peisistratos handelte es sich um einen Dipteros, der ungefähr die gleichen Ausmaße wie der spätere hellenistische Tempel hatte. Genaue Messungen liegen leider nicht vor, aber die Maße betrugen etwa 107,20 x 42,90 m (nach Kluwe). Viele der Säulentrommeln wurden im Fundament des hellenistischen Tempels und in der themistokleischen Stadtmauer wiederverwendet.

Mit seinen enormen Ausmaßen ist das Olympieion den ionischen Riesentempeln vergleichbar. Welter und Gruben vertraten daher die Meinung, dass der Tempel in ionischer Ordnung errichtet wurde. Sie argumentierten mit der Ähnlichkeit zum Heraion von Samos in der Verbreiterung der Fronthallen, der Erweiterung der drei Eckjoche der Langseiten um ca. 30 cm, und der Abstufung der 7 Frontjoche. Die neuere Forschung (Wycherly, Dinsmoor und Travlos) tendiert jedoch zu der Ansicht, dass der sehr breite Durchmesser der Säulen in Relation zu den Interkolumnien sowie die auf direkten Stylobatkontakt ohne Basis hinweisende technische Bearbeitung der unteren Trommeln dafür spricht, dass das Vorbild der ionischen Riesentempel hier in die dorische Ordnung übertragen worden ist.

Vitruv VII praef. 15 schreibt, dass der Grundbau des Tempels für Peisistratos begonnen wurde, aber wegen politischer Unruhen nach dem Tod des Tyrannen unvollendet blieb. Aristoteles (Politeia V 1315 b, 24) sagt, dass der Tempel von den Peisistratiden erbaut wurde. Material und Technik des Tempels können auf ca. 520 v. Chr. datiert werden. Die Angabe bei Vitruv wird daher auf den jüngeren Peisistratos bezogen und die Bauzeit des Olympieions im Allgemeinen in die letzten beiden Jahrzehnte der Tyrannenherrschaft gesetzt.

Als Baumotiv wird in den antiken Quellen das persönliche Repräsentationsbedürfnis der Peisistratiden genannt und die Rivalität zu anderen Herrschern, wie z.B. Polykrates von Samos. Außerdem dienten solche Monumentalbauten den Tyrannen nach Aristoteles als Arbeitsbeschaffungsprogramm. Verschiedene Forscher meinen jedoch, dass der Bau die ganze Stadt Athen repräsentieren sollte und als gemeinsames Projekt von Herrscher und Volk geplant worden war.

Der Tempel blieb nach Vitruv wegen politischer Unruhen nach dem Tod des Tyrannen Hippias unvollendet. Ob der Grund des Baustopps wirklich die Vertreibung der Tyrannen war, ist nicht sicher. Auch wirtschaftliche Gründe sind vermutet worden. Unwahrscheinlich ist jedoch, dass der Bau zu diesem Zeitpunkt kaum über die Fundamente hinaus gediehen war, denn dann wäre es, wie Wycherly schreibt, unverständlich, dass Aristoteles das Olympieion mit so eindrucksvollen Bauten wie den ägyptischen Pyramiden oder den Bauten des Polykrates von Samos vergleicht.

 

(Fortsetzung folgt …)

Stadtplanung in Athen im 6. Jh. v. Chr. (Teil 4)

Die Stoa Basileios, der Amtssitz des Archon Basileios, wurde Mitte des 6. Jhs . v. Chr. auf die Agora verlegt und befand sich seit dieser Zeit in einem kleinen Gebäude neben der Stoa des Zeus. Es handelt sich um eine dorische Säulenhalle mit geschlossener Rückwand und 8 Säulen zwischen seitlichen Anten an der Vorderseite. Die Vorbauten stammen frühestens aus dem 4. Jh. v. Chr. Die Identifizierung wurde ermöglicht durch die Angabe bei Pausanias I 3,1, der die Stoa Basileios gleich am Eingang der Agora zur Rechten lokalisiert, sowie durch Inschriften, die den Archon Basileios betreffen. Aufgabe des Archon Basileios war die Verwaltung der Staatskulte und die Leitung von Prozessen gegen Gottlosigkeit. In der Stoa Basileios wurden wichtige Gesetze aufgestellt und an einem Stein vor der Stoa wurde bei öffentlichen Zeremonien der Eid abgelegt. Auch die Beamten legten hier ihren Amtseid ab.

Im 3. Viertel des 6. Jhs. wurde ein 32,40 x 28,30 m großer Bezirk im Süden der Agora mit einer Mauer umgeben, dessen Deutung unklar ist. Ein großer offener, ummauerter Platz weist normalerweise auf einen sakralen Bereich. Man fand aber weder Spuren eines Altars oder eines Schreins noch Votivgaben. Eine weitere Möglichkeit für einen offenen Bezirk bilden Gerichtshöfe und so schlug man aufgrund von Größe, Datierung und Lage auf der Agora die Identifizierung als Heliaia vor, der von Solon eingeführten Volksgerichtshof und mit mehr als 1500 Geschworenen größten Gerichtshof des archaischen Athen. Dies bleibt jedoch hypothetisch.

Unter dem Tempel des Apollon Patroos (4. Jh.) fand man aus der Mitte des 6. Jhs v. Chr. eine Mauer in Apsisform und eine Basis, die wohl eine Kultstatue trug. Daneben befand sich eine Grube, um eine Bronzestatue (Kouros) zu gießen. Vermutlich befand sich hier ein älterer Tempel des Apollo Patroos. Apollo hatte gleichzeitig den Beinamen Phratrios (von Phratie = Verband von mehreren Familiengruppen).

Unter der Stoa des Zeus Eleutherios fanden sich ebenfalls ältere Reste, die nach Boersma aus dem 3. Viertel des 6. Jhs. v. Chr. stammen und auf ein offenes Heiligtum weisen. Vermutlich wurde hier auch Zeus verehrt, vielleicht als Zeus Agoraios. Ein Altar vor der Zeus-Stoa stammt vermutlich aus peisitratidischer Zeit.

Im Südosten der Agora fand man Reste eines Brunnenhauses in Form eines langgestreckten Rechtecks und besteht aus einem Mittelraum und zwei daran angrenzenden Wasserbassins, die vom Mittelraum durch Schranken abgegrenzt sind. Dieses Brunnenhaus ist Teil des großen Wasserleitungssystems, das ins frühe letzte Viertel des 6. Jhs. v. Chr. datiert wird.

Thukydides VI 54,6 f. überliefert, dass Peisistratos der Jüngere während seines Archontats 522/21 v. Chr. einen Altar für die zwölf Götter stiftete. Reste dieses Altars fand man im Nordteil der Agora unter der U-Bahn nach Piräus. Der Altar diente zum einen nach Herodot II 7 als Meilenstein, von dem aus alle Entfernungen gemessen wurden, zum anderen als Asylstätte.

 

(Fortsetzung folgt …)

Stadtplanung in Athen im 6. Jh. v. Chr. (Teil 3)

Kurz nach der Mitte des 6. Jhs. v. Chr. wurde neben Haus C an der Südseite der Terrasse Gebäude D errichtet, ein kleines Haus mit 3 Räumen, das sich nach Norden auf den zwischen den beiden Bauten liegenden Hof öffnete (siehe im Bild oben). Man nimmt allgemein an, dass beide Gebäude zusammengehörten und die gleiche Funktion hatten.

Südlich von Haus C fanden sich unter der späteren Tholos (Rundtempel) Reste von einem komplexen Gebäude mit unregelmäßigem Grundriss, das als Haus F bezeichnet wird (im Bild unten) und von Norden und Osten her zugänglich war. Ein großer Hof ist auf drei Seiten von vielen Räumen umgeben. Westlich davon liegt ein weiterer kleinerer Hof, der ebenfalls von mehreren Räumen umgeben ist. Einer dieser Räume enthielt Vorratsgefäße und man fand auch Kochmulden und einen Brunnen. Das Gebäude wurde kurz nach Haus D errichtet, das nun wieder abgerissen wurde. Gleichzeitig wurde die westliche Terrassenmauer abgetragen. Dadurch reichte der auf der Nordseite gelegene Vorplatz bis zum Fuß des Kolonos Agoraios, einem kleinen Hügel am Westrand der Agora. Aus diesem Hügel wurde eine trapezförmige Abarbeitung herausgehauen. Diese Terrasse wurde erhöht und die ganze Anlage auf diese Weise einheitlich gestaltet. Der große Vorplatz verband die beiden Gebäude F und C  miteinander und die Abarbeitung des Felsens könnte für Versammlungen gedient haben.

Die Funde in Haus F weisen auf einen häuslichen Charakter, die Ausmaße sprechen jedoch gegen eine Deutung als privates Wohnhaus. Thompson z.B. schlug vor, die älteren Bauten wie später die Tholos als Gebäude der Prytanie zu identifizieren, d. h. der Gruppe, die der Ratsversammlung vorstand. Diese Deutung ist für die letzte Phase von Gebäude F inzwischen allgemein anerkannt. Shear bezweifelt jedoch, dass dieses Gebäude schon Mitte des 6. Jhs. v. Chr. der Prytanie diente, da es nicht den geringsten Hinweis dafür gäbe, dass dem solonischen Rat eine Prytanie vorstand. Auch wäre kein großer Raum für das gemeinsame Essen vorhanden.

Shear, Boersma u.a. schlagen stattdessen vor, Gebäude F als Palast des Peisistratos zu deuten. Für diese Interpretation sprächen der häusliche Charakter und die Größe. Auch fällt die Errichtung in die Jahre nach 550 v. Chr., und auf ca. 546 v. Chr. wird die endgültige Rückkehr des Peisistratos nach Athen und die Etablierung seiner Tyrannis datiert. Shear verweist außerdem auf die Verbindung zwischen der Errichtung von Haus F, der Begradigung der Westseite des Platzes und der Schließung von privaten Brunnen, die eine Beseitigung von Privathäusern impliziert.

Viele Forscher gingen bisher davon aus, dass sich der Palast der Peisistratiden auf der Akropolis befand. Dafür gibt es aber weder literarische noch archäologische Hinweise. Als Alternative kommt Gebäude F auf der Agora aufgrund seiner Größe durchaus in die engere Wahl.

 

(Fortsetzung folgt …)