Die sogenannten „Thronreliefs“ aus Ravenna (Teil 7)

Im Jahre 113 n.Chr. wurde das neue Traiansforum zusammen mit dem im Jahre 80 n Chr. abgebrannten und nun wiederaufgebauten Venus-Genetrix-Tempel eingeweiht. Der Beginn der Bauarbeiten am Tempel lag aber, nach Nash, noch in spätdomitianischer Zeit. Von diesen beiden Bauprojekten haben sich mehrere Fragmente mit Puttidarstellungen erhalten, von denen ich zwei vom Venus-Genetrix-Tempel und eines vom Traians-Forum zum Vergleich heranziehen möchte.

Das erste der Fragmente vom Venus-Genetrix-Tempel befindet sich heute in der Villa Albani. Zwei Putti, deren Unterkörper in Akanthuslaub und Ranken übergehen, machen sich an einem zwischen ihnen stehenden Kandelaber zu schaffen. Das üppige Blattwerk der Ranken weist eine gewisse Härte in der Modellierung auf.

Bei der Körpern der beiden Putti sind die einzelnen Muskelstränge stark herausgearbeitet und die Muskelpartien sind durch tiefe Mulden und weiche Falten deutlich voneinander getrennt. Trotzdem liegt hier noch keine Vereinzelung der Formen vor, wie wir sie bei den ravennatischen Putti festgestellt haben. Die bei den neronisch-flavischen Putti noch sehr schwache Durchgliederung der Einzelformen und die weniger bewegte Oberflächengestaltung kommt jetzt aber schon stärker zum Zug.

Auf einem zweiten Relieffragment des Venus-Genetrix-Tempels, heute im Konservatorenpalast, sind sieben Putti dargestellt. Rechts sind zwei Putti damit beschäftigt einen Schild mit einem Gorgoneion aufzurichten. Daneben tragen zwei weitere Putti einen Köcher bzw. eine Schwertscheide. Weiter links ist ein Puttenpaar mit einer Schüssel beschäftigt, zu der von links ein dritter Putto eine Amphore herbeibringt.

Diese sieben Putti zeigen eine ganz andere Art der Körpermodellierung auf als die Rankenputten. Die Hautfalten sind fast unabhängig von der jeweiligen Bewegung der Putti und reihen die plastischen Wölbungen recht unorganisch aneinander. Die Körperoberfläche ist also in Einzelformen aufgelöst.

Die Flügelbildung ist aufgelockerter und nicht mehr so schematisch wie bei den Rankenputti. Die Binnenzeichnung gibt sogar die Häärchen an und die vorher gerade Reihe der Schwungfedern ist nun abgerundet.

Auf einem Friesfragment vom etwas später datierten Traians-Forum wird eine Amphore mit einer bacchantischen Tanzszene von zwei „Ranken“-Putti flankiert, die ihr den Rücken zuwenden. Die Modellierung der Ranken ist detaillierter als beim Venus-Genetrix-Tempel und die Oberflächengliederung der Puttenkörper ist jetzt zurückgenommen. Die schmaleren Körper der zwei Putti bilden mit der Biegung ihrer Ranken eine gleichmäßige Kurve. Nur bei den Armen sind noch leichte Einbuchtungen und Wölbungen auf. Die Hälse sind wieder deutlicher zu sehen. Die Haare liegen eng am Kopf an und bilden ab und zu kleine Kringellöckchen. Die Flügel haben stark ausschwingende Schwungfedern auf und die Haare sind überall skizziert.

Die Putti unserer Serie ähneln am stärksten den Putti vom Venus-Genetrix-Tempel. Gegenüber den früheren Putti ist eine zunehmende Zergliederung bei der Körpermodellierung festzustellen, die im Puttenfries des Venus-Genetrix-Tempels gipfelt. Diese Oberflächengliederung wird bis zu den Rankenputti des Traians-Forums mit dem Datum der Einweihung 113 n. Chr. als terminus ante quem, wieder zurückgenommen.

 

(Fortsetzung folgt …)

Advertisements