Das Erechtheion auf der Akropolis von Athen (Teil 6)

Die Funktion des Tempels

Kein anderer griechischer Tempel zeigt mehr Besonderheiten oder bereitet mehr Schwie­rigkeiten für ein um­fassendes und befriedigendes Verständnis.

Die Erklärung für die Besonderheiten in der Konstruktion des Erechtheions muss vor allem in der Funktion des neuen Tempels gesucht wer­den, und in der Vorgeschichte des Geländes, auf dem er steht, denn der komplizierte Grundriss des Erechtheions sollte die ältesten Heiligtümer und die mit der Ent­stehung der Stadt verknüpften Kultmale ver­einen.

Im Bericht von 409 v. Chr. wird der Tempel beschrieben als Tempel auf der Akropolis mit der alten Statue. Damit war das Holzbild der Athena Po­lias gemeint, von dem es hieß es sei vom Himmel gefallen und nicht von Menschenhand ge­schnitzt. Vermutlich war es das einzige Standbild, das hier stehen sollte, und der Tempel wurde hauptsächlich zu Ehren der Athena er­richtet. Es gibt jedoch auch noch andere Kulte, die ich z. T. schon ange­sprochen habe.

Eine der Hauptquellen für die Kulte des Erechtheion ist die Beschrei­bung des Erechtheions bei Pausanias. Pausanias erwähnt vor dem Eingang einen Altar des Zeus Hypa­tos und im Innern einen Altar des Poseidon, auf dem auch dem Erechtheus geopfert wird, einen Altar des Hephaistos und einen Altar des Heros Bou­tes. An den Wänden sind Gemälde der Boutaden, d.h. der Nachkommen des Bou­tes. In einem anderen Raum befindet sich ein Meerwasserbrunnen. Im Felsen ist ein Dreizackmal. Außerdem gibt es als heiligstes Kultobjekt ein Bild der Athena. Ferner erwähnt Pausanias eine Lampe des Kallimachos und dar­über eine Bronzepalme als Schornstein. Im Tempel der Polias steht ein höl­zerner Hermes, durch Mythenzweige verdeckt, sowie verschiedene andere Weihgeschenke. Pausanias erwähnt dann noch den Ölbaum und das an den Athenatempel angrenzende Pandroseion.

In der Forschung gibt es viele Meinungsverschiedenheiten darüber, wo diese Kulte genau zu lokalisieren sind, da aus dem Bericht von Pausanias nicht eindeutig hervorgeht, wo er das Gebäude betrat. Vermutlich benutzte er die östliche oder die nördliche Portikus, von der jede der Haupteingang des zugehörigen Gebäude­teils ist. Früher wurde im Allgemeinen angenommen, dass die östliche Halle der Athena Po­lias geweiht war, und dass in den beiden westlichen Räumen die Al­täre für Poseidon-Erechtheus, Boutes und Hephaistos untergebracht waren. Andere Forscher vertreten dagegen die Ansicht, dass die Altäre im öst­lichen Raum standen und das Xoanon der Athena Polias irgendwo im westli­chen Teil des Gebäudes.

 

(Fortsetzung folgt …)

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