Reisetipp: Archäologischer Park Egnazia in Süditalien (Teil 4)

Das römische Egnazia und das Ende der Stadt

Nach dem Krieg zwischen Pyrrhos, dem König von Epiros, der von Tarent gerufen worden war, und den Römern (280-275 v. Chr.) war für den Sieger Rom der Weg frei, nicht nur Tarent und die anderen westgriechischen Städte zu unterwerfen, sondern auch die bisher unabhängigen einheimischen Zentren Apuliens, die sich im Einflussbereich des westgriechischen Hellenismus befanden. Dies geschah zunächst ohne Waffengewalt. Trotzdem waren die Römer schon zehn Jahre später die Herren von ganz Apulien. Nach dem Krieg gegen Hannibal jedoch begann Rom eine wirkliche Eroberung. Bedingt durch die vielen Toten, die kriegerischen Aktivitäten und die große Zahl von Bewohnern, die in die Sklaverei geführt wurden, kam es in ganz Apulien zu einer Bevölkerungskrise.

Die Lage an einer der großen Handelsstraßen nach Rom und nach Mittelitalien bewahrte Egnazia jedoch vor diesen Krisen und führte sogar zu einem großen Aufschwung in römischer Zeit. Auch war Egnazia nach Brindisi der einzige leistungsfähige Hafen an der apulischen Küste und die Römer bauten die Stadt daher stark aus.

Irgendwann, wahrscheinlich nach dem Bundesgenossenkrieg (91-89 v. Chr.) wurde Egnazia römisches Municipium. Mit der verwaltungsmäßigen Aufteilung Italiens in 11 Regionen in augusteischer Zeit wurde Apulien Teil der Regio Secunda mit dem Namen Apulia et Calabria, wobei Calabria der heutigen salentinischen Halbinsel entspricht und bei Egnazia beginnt. Laut der Inschrift einer Ehrenstatue für Marcus Vispianus Agrippa, den Feldherrn und engen Freund von Augustus, war dieser Patron von Egnazia und außerdem quindecimvir sacris faciundis.

Unter Vespasian wurde Egnazia römische Kolonie. Die Zuweisung von Land an Veteranen des Kaisers Vespasian hatte sicher einschneidende Folgen für die Landwirtschaft, da die ländlichen Strukturen des Hinterlandes verändert wurden. Viele einheimische Bauern verloren ihr Land und damit ihre Lebensgrundlage. Auch schränkte die Ernennung zur Kolonie die Privilegien ein, die man im Municipium gehabt hatte. Andererseits fielen in die Zeit der Kolonie vermutlich der Ausbau und die Blüte des städtischen Zentrums. Seit der 2. Hälfte des 1. Jhs. wurde Egnazia ein wichtiger strategischer Punkt für die Kriegsschauplätze des römischen Heeres und ein Zentrum verschiedener Aktivitäten auf dem Gebiet des Handels und der Kunst, verbunden mit der Verwirklichung noch größerer und bedeutenderer öffentlicher Werke als zuvor.

Die öffentlichen Bauten des 4. und 3. Jhs. wurden vermutlich während des Krieges mit Hannibal sowie während der Verwüstungen durch die Bürgerkriege und des Spartakusaufstands usw. stark beschädigt oder komplett zerstört. Bei der Wiedererrichtung bauten die Römer das Stadtzentrum aus. Die monumentalen Bauten spätrepublikanischer Zeit konzentrierten sich offenbar auf das Gebiet im Süden am Fuß der Akropolis zwischen den beiden Hafenbuchten. Hier hat die archäologische Forschung bis heute 4 große Komplexe ans Licht gefördert: das sogenannte Forum, die ellipsenförmige Anlage, eine L-förmige Stoa und eine profane Basilika.

Die römischen Zeugnisse überlagerten die vorhergehenden Bauten und der Raum innerhalb des weiten Mauerrings aus dem 4. Jh. wurde stärker genutzt. Die Stadt wurde durch ein Schema von parallel zur Küste verlaufenden Achsen nach ihren Hauptfunktionen unterteilt:

  1. Der Küstenstreifen mit den Anlagen des Hafens und der Seefahrt: Werften, Hafenbecken, Laderampen, Kais, Depots/Lager und Handelsplätze.
  2. Die Akropolis und der Bereich am Fuß der Akropolis bis zur Via Traiana mit den wichtigsten öffentlichen Zentren: die sakralen Bereiche, Säulenhallen, Basilika, Forum, Markt.
  3. Der Bereich südlich der Via Traiana mit Wohnvierteln, Werkstätten, usw. sowie in späterer Zeit 2 frühchristlichen Basiliken.

Die Verbindungen Apuliens zum Orient sowie jüdische Gemeinden in den wichtigen Häfen Brindisi, Egnazia, Otranto und Tarent begünstigten vermutlich auch die Verbreitung des Christentums. Leider fehlen uns aber bisher Schriftquellen und archäologische Zeugnisse für eine christliche Gemeinde vor dem 4. Jh. n. Chr. Im Jahre 334 n. Chr. bestand aber bereits Gemeinde mit einer Kirche.

Zu Beginn des 6. Jhs. n. Chr. war Egnazia Bischofssitz. Irgendwann besaß Egnazia 3 Kirchen: eine Bischofsbasilika mit Baptisterium, eine zur Kirche umgebaute profane Basilika und die als letztes erbaute Basilika. Dies deutet auf eine unerwartet große Bedeutung Egnazias in der Spätantike.

Ab dem 4. Jh. gab es in der weströmischen Welt immer wieder Einfälle von Vandalen, Goten, Hunnen, Westgoten, usw. Unter dem Ansturm der Invasoren brach das Imperium zusammen. Die großen von Rom gebauten Straßen, die Via Traiana und die Via Appia, waren weiterhin vermutlich die einzigen Straßen, die Apulien mit dem Rest der Halbinsel verbanden, aber sie wurden nicht mehr gepflegt.

Während des griechisch-gotischen Krieges (535-553 n. Chr) wurde Egnazia vermutlich geplündert und zerstört. Die Ankunft der Langobarden zu Ende des 6. Jhs. führte dann wohl zum Verlassen eines großen Teils der Stadt. Trotzdem gab es auch in den folgenden Jahrhunderten in Egnazia noch ein gewisses Leben. Die wenigen, die geblieben waren zogen sich auf die Akropolis zurück, wo sich in byzantinischer Zeit eine befestigte Siedlung befand. Aus dieser Zeit stammen vermutlich die noch heute sichtbaren Ruinen.

Wann Egnazia endgültig verlassen wurde, wissen wir nicht. Doch waren es nicht nur die die Zerstörungen während der Barbareneinfälle, sondern auch die Veränderungen der Küste, die zur Aufgabe der Stadt führte. Das Heben des Meeresspiegels führte zur völligen Überflutung des Hafens mit allen damit zusammenhängenden Strukturen. Mit der Zerstörung des Hafens ging auch ein Zusammenbruch des Handels einher und nachdem die Via Traiana mehrere Kilometer weiter ins Landesinnere verlegt worden war, war Egnazia vollständig von den großen Handelswegen zwischen Rom und dem Orient abgeschnitten. Bis Ende des 7. Jhs. wird Egnazia noch in antiken Quellen erwähnt. Danach scheint Egnazia aus der Geschichte verschwunden zu sein.

(Fortsetzung folgt …)

Advertisements